Marignanis

Wir befinden uns an der nordwestlichen Ecke des römischen Schutzwalls. Wenn wir entlang der Schotterstraße Richtung Süden bis zum Fluss Natissa weitergehen, können wir dem Verlauf der westlichen Stadtmauer folgen, von der nur noch wenige Überreste existieren. Dieser Mauerabschnitt grenzte das Stadtgebiet ein, das Unterhaltungszwecken diente. Auf dem Areal zu unserer Linken befanden sich einmal die großen öffentlichen Bauten der Römischen Antike: die Arena, das Theater, die Thermen, das Amphitheater. Die Präsenz dieser imposanten Bauten sowie die ununterbrochene, jahrhundertlange Besiedlung von Aquileia haben zum heute noch sichtbaren Höhenunterschied zwischen dem Stadtzentrum und dem umliegenden Land beigetragen, das wesentlich tiefer liegt.

Die Struktur der Abwehrmauern von Aquileia ist im Laufe der Jahrhunderte mehrfach verändert worden. Der erste Ring aus der Ära der Römischen Republik (2. Jh. v. Chr.) hatte eine rechteckige Form und entwickelte sich entlang einer Nord-Süd-Achse. Der Zugang zur Stadt war durch einige Tore an allen Seiten des Mauergürtels möglich, die – abgesehen von Gründen der Sicherheit – die Aufgabe hatten, einen Eindruck von Größe der neuen Kolonie zu vermitteln. Aus diesem Grund handelte es sich um eine monumentale Anlage, die durch Skulpturen dekoriert war; genau wie die großen Terrakotta-Telamonen, die heute im Portikus des Archäologischen zu bewundern sind. Im Laufe des 1. Jh. v. Chr. erlebte Aquileia einen großen wirtschaftlichen und städtebaulichen Aufschwung. Neue Siedlungen entstanden außerhalb der republikanischen Stadtmauern, die nach und nach abgetragen wurden. Die politische Stabilität der Anfangsphase der Römischen Kaiserzeit machte es der Stadt möglich, lange Zeit auf Stadtmauern verzichten zu können.

 

Der neue Mauerring, der wesentlich größer als sein Vorgänger war, wurde am Ende des 3. Jh. v. Chr. erbaut. Dabei wurde vieles vom alten Baumaterial wiedereingesetzt. Dank der imposanten Mauern aus der Kaiserzeit konnte die Stadt monatelang vor der Belagerung durch Attila im Jahr 452 verteidigt werden. Aber am Ende wurde Aquileia eingenommen. Nach diesem katastrophalen Ereignis, das den Niedergang des gesamten Römischen Reiches einläutete, wurde der nördliche Stadtteil von Aquileia nach und nach verlassen. Ein neuer, kleinerer Mauerring wurde errichtet, und zwar entlang der Hauptstraße. Heute sind diese Stadtmauern als Festungsbau mit sägezahnartigem Grundriss aus der Spätantike bekannt.

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Von diesem Punkt aus, der dem nordwestlichen Ende des antiken Aquileia entspricht, begann die Via Annia, eine der wichtigsten und ältesten Straßen, die Aquileia mit dem Rest Italiens verband. Sie verließ die Stadt zunächst Richtung Westen, berührte Padua und vereinigte sich anschließend mit der Via Emilia. Die Via Postumia hingegen, die 148 v. Chr. gebaut wurde, führte nach Norden bis nach Palmanova, wo sie sich in zwei Routen aufspaltete: Richtung Concordia und anschließend nach Oderzo; beziehungsweise nach Tricesimo und über die Alpen zum Plöckenpass. Richtung Osten befand sich außer der Straße, die nach Triest und zur Istrischen Küste führte, auch die Via Gemina, die bei Görz über den Isonzo und nach Ljubljana führte.

 

Die archäologischen Ausgrabungen haben verschiedene Abschnitte des Straßennetzes von Aquileia ans Tageslicht gefördert, das bereits während der Gründungszeit der Kolonie in Angriff genommen wurde und ständig gewartet und restauriert werden musste. Heutzutage ist der Abschnitt einer äußerst wichtigen Straße (die sogenannte „decumano di Aratria Galla“) südlich des Forums sichtbar, die den Hafen mit dem Gerichtsgebäude verband, während an der zugänglichen Ausgrabungsstätte (Ex Cossar- Gelände) nördlich der Basilika die Reste einer anderen Straße sichtbar sind, die von Gebäuden umgeben war.

 

Der Ortsteil Ponte Rosso verdankt seinen Namen der Farbe der Ziegelsteine der ursprünglichen Brücke. Der Fluss, der unter ihr hindurchfließt, ist der Terzo, im Mittelalter auch Robedula genannt. Heute stellt er die Gemeindegrenze zwischen Aquileia und Terzo dar. Dieses gesamte, ursprünglich sumpfige Gebiet ist Mitte des 18. Jahrhunderts trockengelegt worden und ist heute als „III Partita“ bekannt.